Ankersetzen – eine Flaschenpost

Gleich drei Bedeutungen verbinde ich mit „Ankersetzen“.

Ankersetzen heißt Ankommen, und sei es nur für eine kurze Zeit: Im Heimathafen vor Anker gehen, auf offener See den Anker setzen oder in einer geschützten Bucht die Vorräte auffüllen und ausruhen. Es gibt dann einen Moment des Innehaltens, der Fluss der Bewegung wird unterbrochen, entweder für länger oder unterwegs nur für ein paar Stunden oder Tage.
Hier oder dort – ich kann verweilen, mich umschauen und entdecken, etwas beitragen und wieder aufbrechen. Die Spuren bleiben zurück.

Das Saarland war lange Zeit eine Region, die durch den Bergbau bestimmt war. Auch unter Tage wurden Anker gesetzt. Das Ziel war es, mehrere Gesteinsschichten so miteinander zu verbinden, dass sie sich wie eine zusammenhängende Gesteinsplatte verhalten.
Wir erleben Kirche und Kirchen auf unterschiedliche Arten und Weisen. Diese Vielfalt macht Kirche lebendig. Doch viele Erfahrungen, gerade der Älteren unter uns, drohen verloren zu gehen. Gemeinden lösen sich auf, Gebäude werden verkauft, Traditionslinien brechen ab oder werden unsichtbar. Gleichzeitig entsteht Neues, neue Gemeinden, andere Formen von Gemeinschaft und Spiritualität halten Einzug in unseren Alltag. Wenn es hier gelingt, diesen unterschiedlichen Erfahrungsebenen eine Plattform zu geben, wäre schon viel gewonnen: Der Anker hält die verschiedenen Platten zusammen, ohne dass das Besondere einer jeden verschwindet.

Wir leben im Zeitalter der sog. Neuen Medien, und das Internet scheint allgegenwärtig zu sein. Viele Internetseiten werden mit Hilfe einer eigenen Sprache erstellt: HTML ist eine textbasierte Auszeichnungssprache zur Strukturierung digitaler Dokumente wie Texte mit Hyperlinks, Bildern und anderen Inhalten. Das klingt für manche immer noch fremd und ungewohnt.
Auch dieses HTML kennt Anker. Sie bieten die Möglichkeit, in einem Text per Mausklick direkt zu einer bestimmten Stelle zu gelangen. Das Konkrete, das Besondere, es bekommt eine eigene Adresse. So geht es im weltweiten Datenstrom nicht unter, sondern es wird auffindbar und aufrufbar.

Was im Strom der Geschichte zu verschwinden droht, wird durch den Anker erhalten. Indem wir hier Geschichten erzählen, schicken wir eine Flaschenpost aufs Meer hinaus.

Wolf-Dieter Scheid